Vorwort
Vorwort
Das Jahr 2025 zählt zu den ereignisreichsten, die der Kryptomarkt bislang erlebt hat. Auf eine sommerliche Hochphase, in der selbst der amerikanische Präsident Donald Trump das Thema öffentlich aufgriff und positiv besetzte, folgte der 10. Oktober, der größte Liquidationstag der bisherigen Geschichte. An ihm wurden über neunzehn Milliarden Dollar an gehebelten Positionen liquidiert, und mehr als anderthalb Millionen Konten verloren ihre Einsätze. Was darauf einsetzte, waren zermürbende Monate, deren Nachwirkungen bis in das Jahr 2026 reichen. Ich verfolge den Markt seit etwa vier Jahren, und nach dem Abitur hatte ich freilich zum ersten Mal die Zeit, mich einem Gegenstand ausführlich zu widmen, an dem ich eigene Recherche betreiben, mein Systemdenken schulen und mein Urteil an einem tatsächlich anspruchsvollen Objekt schärfen konnte.
Gerade dieses Jahr hat mir eine Frage aufgedrängt, die ich als Investor sonst leicht übergehe: Worauf stützt sich das alles eigentlich? Es bewegen sich enorme Summen, es kursieren große Erzählungen über Zahlung, Identität und die Verwaltung des eigenen Vermögens ohne Mittelsmann, und dennoch bleibt seltsam unklar, worum es im Kern geht. Ginge es am Ende allein um Zahlungsverkehr und die Autonomie über die eigenen Schlüssel, ließen sich die Bewertungen kaum erklären, die viele der Netzwerke tragen. Und würde ihr Wert sich allein aus Knappheit speisen, wie beim Gold, wäre das Neue daran gering. Daraus ergibt sich die Frage, die die Arbeit antreibt: Was ermöglicht ein solches kryptographisches System über dezentralen Zahlungsverkehr hinaus, und muss es überhaupt darüber hinausgehen?
Um diese Frage an etwas Konkretem zu prüfen, brauchte ich ein System, das mir als Repräsentant dient und an dem sie sich beantworten lässt. Ich habe mich für Ethereum entschieden. Es ist die erste Layer 1 mit nativer, allgemeiner Programmierbarkeit für Smart Contracts und hält nach Bitcoin die zweitgrößte Marktkapitalisierung. Es verzeichnet nach Electric Capital 2025 die größte aktive Entwicklerbasis1 und nach gebundenem Wert das größte Anwendungsökosystem. Es bildet die größte Settlement-Schicht für institutionelle und dezentrale Finanzaktivität, hat den größten Anteil des on-chain gehaltenen Stablecoin-Werts und wird nach einer weitgefassten Roadmap fortentwickelt. Ethereum wird häufig als Infrastruktur bezeichnet, und an genau diesem Begriff präzisiert sich die weite Ausgangsfrage zu einer prüfbaren: Erfüllt Ethereums Architektur die Anforderungen, die an eine fundamentale digitale Infrastruktur zu stellen sind?
Ich will mir und dem Leser eine klare Übersicht über den gegenwärtigen Zustand einer solchen Infrastruktur verschaffen und über den Zustand, den sie unter vollständiger Umsetzung ihrer Roadmap erreichen könnte. Am Schluss steht mein eigenes Urteil, doch gleichberechtigt daneben steht die Absicht, dem Leser die Mittel zu geben, mit denen er sich sein eigenes bildet, frei von meinem. Dass ich selbst im Feld stehe, über Web3 schreibe und publiziere, lege ich offen und mache es zum Grund einer ausdrücklichen Verpflichtung zur Neutralität, denn wer dem Gegenstand nahesteht, schuldet dem Leser die Distanz umso mehr. Die Arbeit begleitet zugleich meine beruflichen Bewerbungen, was ich benenne, damit der Leser das Interesse kennt, vor dem er sie liest. Entstanden ist sie mithilfe digitaler Werkzeuge, darunter KI-gestützte Systeme, die ich zur Recherche, zur Strukturierung und zur sprachlichen Prüfung herangezogen habe. Die Fragestellung, der Bewertungsrahmen und jedes Urteil, das daraus folgt, verantworte ich selbst. Dass mit der Frage nach dem Nutzen eine Frage nach der Rendite mitläuft, ist unvermeidlich, ich behandle sie als Folge der Analyse und lasse mein Urteil an dem messen, was sich langfristig als tragfähig erweist. Ob Ethereum den Anforderungen einer fundamentalen digitalen Infrastruktur standhält, entscheidet sich auf den folgenden Seiten.
Garbsen, im Juli 2026
Henrik Asmus
- Electric Capital: Developer Report 2025. https://www.developerreport.com ↩